Reportage + Leseprobe - Abenteuer

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Reportage + Leseprobe





Das Buch  
„Machen…und nicht labern“ 
in einer Auflage von 6000 Stück, wurde im Selbstvertrieb verkauft. Es ist im Handel nicht mehr erhältlich. 
1. Leseprobe
 
..aber eine lustige Ge­schichte nach dem Motto, wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein, möchte ich doch nicht auslassen.  
Auf einer Traptou in Südfrankreich setzzte mich ein Weintransporter  so gegen 21:00 Uhr mitten in einem kleinen Dorf ab. In einem Bistro erkundigte ich mich nach einer Jugendherberge. Die Leute fanden meine Verständigungsart so lustig, dass sie mich erst einmal zu einem Drink einluden. Nun, nichts Besonderes, ich leerte mein Glas und wollte dann wissen, ob es hier eine Jugendherberge gäbe oder nicht. „Moment, mein kleiner Freund, erst trinken wir noch einen und dann fahren wir dich dorthin". Für mich war das nicht schlecht. Vielleicht könnte ich durch diese Leute morgen sogar noch einen Wagen nach Marseille bekommen.
Es wurde später und später, ein Einlass in die Jugendherberge nach 22.00 Uhr war nicht mehr drin. Ich mahnte nun die lachende Gesellschaft zur Eile und endlich fuhren wir los. Sie überschlugen sich in ihrer Ausgelassenheit, und ich verstand kein Wort mehr. Bloß als die Fahrt vor einem Friedhof endete, war ich überrascht, aber lachte fleißig mit. Wir stiegen aus, öffneten das schwere Gittertor und der Fußmarsch ging geradeaus auf die Leichenhalle zu. Über die mir hier angebotene Schlafstelle in dieser alten Leichenhalle war ich zwar überrascht, ließ mir aber nichts anmerken. Im Gegenteil bedankte mich, richtete mir mit meinem Schlafsack mein Nachtlager her. Sie sagten noch: "Wir holen dich morgen um sieben Uhr wieder ab" und verabschiedeten sich lachend.
Für mich war das jetzt klar: Die kommen um Mitternacht zurück und ziehen dann so was Ähnliches wie einen Geisterspuk ab. Als der Letzte den Friedhof verlassen hatte, bin ich gleich mit meinem Schlafsack aus dem hinteren Fenster gesprungen und mich hinter einem Grabstein versteckt, so dass ich den Eingang und das Tor im Auge hatte. Was immer die vorhaben mochten, mich legten sie nicht rein. Nach meiner Vorstellung kämen sie in Bettlaken gekleidet zurück, klopften an der Tür oder tanzten vor dem Fenster herum. Ich wartete gut zehn Minuten hinter dem Grabstein um sicher zu sein, dass keiner meinen Stellungswechsel bemerkt hatte.
Unter einem Busch, direkt am Weg zur Leichenhalle, zirka acht Meter vor der Tür, richtete ich mir meine Liegestellung im Schlafsack ein. Für diese Tarnung wäre mir beim Pfadfinder-Wettkampf bestimmt der erste Platz sicher gewesen. Hier liegend, das Kopfende in Türrichtung, wartete ich auf die kommenden Geister. Es dauerte auch nicht lange, als ein Fahrzeuggeräusch sich näherte und vor dem Friedhof ver­stummte.
Nun konnte das Spiel beginnen. Leise im Gleichschritt, die Hände dem jeweiligen Vor­dermann auf die Schulter liegend, näherten sich fünf Personen mit übergehängten Woll­decken und Zylindern auf den Köpfen. Es setzte ein Gemurmel mit tiefer Stimme  Tara­ba - Rababa ein und sie gingen im Gänsemarsch zwei Schritte vorwärts und einen Schritt zurück auf die Tür zu. Als der Erste die Türklinke drückte, die Tür langsam ab­wechselnd öffnete und wieder schloss, fasste ich mit beiden Händen so fest ich konnte dem letzten neben mir Gehenden an sein Fußgelenk. Der stieß einen fürchterlichen Schrei aus, der alle übrigen erschrec­ken ließ, so dass nun alle fünf um die Wette schrien, aber keiner wusste warum.
Zum Lachen war mir nicht zumute. Das Geschrei ging durch Mark und Bein. Es war beängstigend. Der von mir festgehaltene Fuß lähmte sein Herrchen völlig. Wie hypnotisiert schrie er in unverminderter Lautstärke. Die Schreierei der übrigen hatte sich beruhigt und sie versuchten nun herauszufinden, welch ein Blitz ihren Freund wohl getroffen haben könnte, als ich mich im selben Moment aus dem Gebüsch erhob und ein ungewollter zweiter Effekt einsetzte. Die Sache klärte sich nun auf. Aber der Arme hatte, was eine anschließende ärztliche Untersuchung ergab, einen Schock. Diese Nacht schlief ich im Hause des Arztes. Er war es auch, der mich morgens zum Friedhof fuhr, um meine Sachen zu holen,  mir ein gutes Frühstück spendierte und mich zur Landstraße brachte, um in Richtung Marseille zu trampen.

2. Leseprobe
...um 21.00 Uhr war ich in Nor­manton. Das Geräusch des Generators deutete mir schon an, dass es wohl kein größeres Dorf sein könnte. Genau bestand Normanton aus einem massiv gebauten Lagerhaus, einer klei­nen Baracke, die einen Country Store beherbergte, einem auf Pfählen gebauten zweistöcki­gen Holzhaus, das sich in den letzten siebzig Jahren zu dieser Größe entwickelt hat, als Bar und Hotel einen legendären Ruf hatte. Mehrere kleine Wellblechhütten, die nicht alle bewohnt waren rundeten den  Dorfplatz ab. Die über diesem Center hängende einzige Straßenlampe warf ihr fahles schaukelndes Licht auf siebzehn, nur mit Textilfetzen behängte leblose Aborigineskörper, die auf der Treppe, überm Geländer und am Boden verstreut herumlagen. Der Anblick kam einem Indianerüberfall  gleich.
Zwischen den Alkoholleichen bahnte ich mir einen Weg und folgte den verlockenden Liedern der Musikbox in die Bar. Etwa zwanzig Bärtige, die sich wohl zum Lumpen­ball ­Wettbewerb getroffen hatten, den zwei Meter großen Wirt eingeschlossen, verstummten, als ich die Bar eintrat. Die einzige Geräuschkulisse war die Platte von der Abba-Gruppe mit dem Lied "Vernando". Ich fragte den Wirt nach einem Zimmer. Mit einem Kopfnicken nach oben und zur Treppe, die gleich neben der Bar war, signa­li­sierte er mir "help yourself". Über die knarrenden Stufen kam ich zu einem unbe­leuch­teten Gang mit vier leeren Schlafbuden und einer Waschtoilette. Ich schaltete das Licht ein und verscheuchte so mit die Bewohner eines kleinen Privat-Zoos. Die Bude war mit einem mit Laken bedeckten Metallbetett, einer Kommode, einem Stuhl und einem kleinen run­den Tisch möbliert. Bei aller Einfachheit, so dachte ich, zeugt es von einem guten Service, dass sie hier eine mit Wasser gefüllte Karaffe und ein Glas für ihre Gäste be­reitstehen haben. Die Glühbirne an der Decke ließ aber das Spinngewebe erkennen, was von der Karaffe aus in alle Richtungen ging, und ich verzichtete auf das kosten­lose Getränk. Der zweimal zwei Meter große Toilettenraum war mit einem Waschbecken, Taschen­spiegel, Standardtoilettentopf und einem Rohr an der Decke, das über einen Kettenzug einen Wasserstrahl für den Schauer freigab, ausgestattet. Das Wasser floss durch die schiefe Ebene irgendwo durch die Wand nach draußen.
Während meiner Zimmerinspektion hatte meine Vespa die Aufmerksamkeit der ande­ren Gäste auf sich gezogen und einer tat sich besonders als Techniker hervor und er­klärte sie. Es stellte sich nun heraus, dass er ein Berliner war, der mich gleich zum Drink einlud. Ich sagte ok, wollte aber vorher mit dem lauwarmen Wasser eine Erfrischungsdu­sche nehmen. Er sollte in der Zwischenzeit die Vespa zur Sicherheit in die Bar schaffen. In der Hoffnung, dass das Wasser durch längeres Laufen etwas kühler würde, setzte ich mich mit der Zugkette in der Hand auf den Topf umd genoss Schauer , mit  Bedürfnis- Erledigung mit Erfolg, als ich unter meinem Arsch einen kräftigen, kal­ten Schlag bekam. Wie vom Blitz getroffen, es konnte nur von einer Schlange sein, sprang ich mit dem Kopf zuerst gegen die Tür und lag nackend der Länge nach auf dem Korridor. Wenn die Tür nicht nach außen aufgegangen wäre, hätte ich meinen Kopf selbst in das Türblatt eingerahmt. Nach hinten schauend kroch ich auf allen Vieren hil­fesuchend in meine gegenüberliegende Bude. Von einer Schlange sah ich nichts. Mit einem Stuhlbein in der linken und meiner Pistole in der rechten Hand be­waffnet, schlich ich mich sehr vorsichtig an den Toilettentopf zurück. Bei der Untersuchung der Schlagursache glotzte mich ein etwa zwanzig mal dreißig Zentimeter großer Frosch an, dessen Größe einem das Fürchten lehren konnte. Mein Berliner, der schon fünfzehn Jahre hier in der Einsamkeit seinen Lebensunterhalt mit Krebsfang verdiente und mir unbedingt seine weißgestrichene Wellblechhütte an der Beach zeigen wollte, erklärte mir den Frosch und noch vieles mehr über die Tiere und ihr Verhalten. Seit langer Zeit hatte ich nicht mehr so viel getrunken wie an diesen Abend. Aber nicht meine Leistung über die Sand- und Wasser- Durchquerung brachten mir die kostenlo­sen Drinks ein, sondern die Australier wollten unbedingt das Wort    "Froscharschklatsch" lernen, was keiner bis morgens um fünf Uhr fertig brachte.

3. Leseprobe
„Horst du musst uns helfen! Das ist Herr Weber.“ „Wir kennen uns doch. Waren sie nicht gestern Abend in Begleitung hier zum Essen?“ „Ja genau. Mit meinem Nachbarn, aus dem gleichen Dorf, er ist auch Deutscher. Wir sind zusammen mit seinem Jeep nach Santa Cruz gekommen. Er hat hier einiges zu erledigen, und ich wollte mich um meinen Container kümmern und habe gleichzeitig für meine Kinder wichtige Medizin gekauft. Er kann aber aus verschiedenen Gründen erst in drei Wochen zurückfahren. Das haben wir vorher auch nicht gewusst. Die Charterpiloten sind für Wochen ausge­bucht. Und jetzt sind sie meine ganze Hoffnung, dass sie mich so schnell wie möglich zurückflie­gen. Meine Kinder brauchen dringend die Medizin.“ „Herr Weber, lassen sie mich das dem Flieger Horst erklären“, unterbrach ihn Andreas. „Herr Weber hat seinen Container mit all seinen Haushaltssachen über Schenker Deutschland nach Santa Cruz geschickt. Leider ist er fünf Monaten überfällig. Die Firma Schenker sieht sich moralisch verpflich­tet, Herrn Weber in jeder Weise zu helfen.“ „Also Herr Weber, ich heiße Horst und wie heißt du?“ „Manfred.“

„Ok, Manfred. Ich fliege dich zurück. Andreas ist ein Freund von mir und der Firma Schenker schulde ich ohnehin noch einen Gefallen. Die Flugstunde kostet normal 150 Dollar. Ich fliege dich aber zum Selbstkostenpreis für 100 Dollar pro Flugstunde, dass heißt, der Rückflug muss auch bezahlt werden.“ „Das ist sehr nett, vie­len Dank.“ „Wo willst du denn überhaupt hin?“ „Nach Ignacio.“ „Ignacio kenne ich nicht". Ignacio liegt östlich von hier, knapp zwei Flugstunden mit einer Cessna, etwa zweihundert Kilometer vor der brasilianischen Grenze.“ „Du hast doch sicherlich eine Karte?“ „Leider nicht. Aber Andreas, der Berndt hat doch eine, die könntest du doch besorgen.“ „Berndt ist in La Paz, der kommt auch nicht in den nächsten vier Ta­gen zurück. Horst, so wie ich dich kenne, brauchst du auch keine Karte. Herr Weber ist schon mehrere Male mit dem Jeep und Lastwagen nach hier gefahren, der kennt die Strecke sehr gut.“ „Ja, das stimmt“, warf  Manfred etwas nervös ein, er sah schon sei­nen Heimflug an einer Karte scheitern." OK, dann würde ich sagen, wir fliegen morgen früh!“ Können wir nicht heute noch fliegen“?  „Ich habe nur noch für drei Stunden Sprit im Flieger. Wir müssten also erst tanken. Dafür geht zuviel Zeit verloren, und wenn wir nicht genau auf Kurs sind, über­rascht uns noch die Dunkelheit, und ich habe wirklich keinen Bock, auf einer unbe­leuchteten und dann noch unbekannten Piste zu landen.“ „Tanken kannst du doch in Ignacio. Du kannst dann bei uns schlafen und essen und morgen früh fliegst du zu­rück.“ „OK, let’s go, Jungs wir sehen uns morgen wieder.“

„Also Manfred, ich fliege jetzt so, wie du es sagst, den groben Kurs Ost, ist das rich­tig?“ „Ja. Wir müssen erst bis zum Fluss und dann Flussaufwärts bis zur Brücke.“ Den Fluss erreichten wir nach ungefähr zwanzig Minuten. „Manfred schreib bitte auf, bis Fluss zwanzig Minuten. So jetzt den Fluss aufwärts?“ „Ja, bis zur Brücke.“    Nach dreißig Minuten war immer noch keine Brücke zu sehen. „Bis Du sicher, dass die Brücke soweit im Norden liegt? Hier ist nämlich auch kein Weg, auf dem Ihr gefahren sein könntet“. „Ja dann muss die Brücke weiter im Süden liegen“. „Ich fliege jetzt zurück. Schreib wieder auf, dreißig Minuten Südkurs.“ Nach vierzig Minuten kamen wir zur Brücke. „Ist das die Brücke?“ „Ja, das ist die Brücke. Wir brauchen jetzt nur der Straße nach zu fliegen.“ „Du meinst den Weg?“ „Ja, ja, das ist klar. Da muss gleich eine Kreuzung kommen mit einer Tankstelle, da haben wir auch immer was gegessen.“ „Hast du auf­ge­schrieben, vierzig Minuten bis zur Brücke?“ „Nein.“ „Schreib auf.“ Da ist die Kreu­zung, da ist auch die Tankstelle. Ich erkenne es genau wieder.“ „Aber in welcher Rich­tung müssen wir dem Weg denn folgen? Sieh doch mal genau hin. Das ist wie ein T. Nach links geht es genau nach Norden und nach rechts mehr nach Süd-Ost. Nach Deinen Angaben habe ich das Gefühl, wir müssten die Richtung nach rechts nehmen.“ „Ich weiß es jetzt auch nicht mehr so genau.“ „Denk mal nach, wenn ihr getankt habt, ob die Tankstelle rechts oder links von eurer Fahrtrichtung war.“ „Wir haben erst ge­tankt und dann zum Essen neben der Tankstelle geparkt.“ „Ich sag dir jetzt mal was, wir kreisen jetzt so lange über der Tankstelle, bis du mir sagst, in welcher Richtung wir der Straße folgen müssen!“
Die Steilkurve musste ihm wohl zum konzentrierten Nachdenken verholfen haben, denn noch bevor die zweite voll ausgeflogen war, kam das einzige Wort: „Norden.“ Wir flo­gen schon fünf Minuten schweigend, er war immer noch blass um die Nase. „Manfred, ich will nur dein Bestes. Wir haben schon siebzig Flugminuten in den Sand gesetzt. Ich ärgere mich schon, dass ich mich von dir habe überreden lassen, heute noch zu fliegen. Wenn wir morgen geflogen wären, hätte ich mich am Airport nach deinem Siedlerdorf erkundigen können. Aber jetzt ist es zu spät und Funkkontakt habe ich auch nicht mehr.“
Nach weiteren zehn Minuten wurde Manfred wieder munter. „Wir sind hier richtig Horst. Da unten ist der kleine Fluss. Ich erkenne es genau an der Bucht wieder. Da ha­ben wir mal meine Küken getränkt. Dort wo ich mich angesiedelt habe, leben noch mehrere Deutsche. Einer züchtet Rinder, ein Schweizer Schweine und ich Hühner, bes­ser gesagt, wir bauen uns eine Selbstversorgerfarm auf. Ich hatte in Santa Cruz tau­send Küken gekauft. Auf dem Transport bis hierher waren mir schon einige verreckt. Beim Tränken hier sind mir dann noch welche abgetrieben. Ich habe mindestens drei­hundert insgesamt verloren.“ „Bist du denn von Beruf Landwirt?“ „Nein.“ „Aber warum kommst du nach hier, um Hühner zu züchten?“ „Ich weiß es bald selbst nicht mehr. In Deutschland hatte ich eine gut bezahlte, leitende Anstellung, und mein Haus war auch bezahlt. Meine Frau brauchte nicht zu arbeiten. Wir waren einfach die ständigen Umweltprobleme satt. Du kannst in Deutschland nur noch von Problemen lesen, hören oder sehen. Meine Kinder waren es auch leid. Die sahen sich nur noch Abenteuerfilme von Afrika und Süd-Amerika an. Durch einen Bericht über Aussteiger in einer Illu­strierten lernten wir einen Makler kennen, von dem wir dann das Grundstück billig ge­kauft haben. Danach haben wir kurz entschlossen alles verkauft, den Rest in einem Container verschifft.“ „Ach, das ist der, der heute noch unterwegs ist?“ „Genauso ist es.“ „Dann bist du ja erst fünf Monate hier in Bolivien?“ „Ja.“ „Na ja, der Container muß ja mal ankommen, und wenn er verloren gegangen sein sollte, be­kommst du von der Versicherung eben das Geld. Irgendwie geht es ja immer weiter, auf jeden Fall sind wir nach deiner Meinung auf dem richtigen Kurs.“ „Da vorne auf der Wiese ist eine Landepiste mit einer Baracke, aber kein Dorf zu se­hen. Ist das dein Flugplatz?“ „Nein.“ „Aber die Straße, also der Weg, geht genau daran vor­bei.“ „Den Platz habe ich noch nie gesehen.“ „Manfred sieh mal da hinten, hinter dem Wald sind Hütten.“ „Das ist aber nicht Ignacio.“ „Das ist mir jetzt egal. Ich gehe hier runter. Wir müssen uns erkundigen und Sprit brauchen wir auch.“ Das es hier auf dieser „ausgedienten“ Cocainpiste keinen Sprit gab, war mir bei der nä­heren Betrachtung der Baracke klar, aber von den aus den Hütten gekommenen Indios versprach ich mir wenigstens die Auskunft, wo Ingnacio liegt. „Manfred, wir haben echte Probleme. Der Sprit reicht vielleicht noch für dreißig Minuten. Wir fliegen zu der Kreuzung zurück, landen auf der Straße, tanken und dann erkundige ich mich, vielleicht bekommen wir da auch eine Straßenkarte, so geht das auf keinen Fall weiter!“ „Mir tut das furchtbar leid. Aus der Luft sieht alles so anders aus, hier ist aber auch nichts mehr, was ich wiedererkenne.“ „Manfred, mach dir keine Sorgen, ab Tankstelle übernehme ich die Navigation. Wenn bloß der Sprit bis dahin noch reicht. Wir müssen mindestens noch bis hinter den Wald kommen, um auf den Weg landen zu können, den Rest bis zu der Tankstelle müssen wir ohnehin laufen.“ „So, jetzt könnte die Latte stehen bleiben. Da hinten ist die Kreuzung mit der Tankstelle, hier kennst du dich ja wieder aus. Ich lande jetzt hier auf dem Weg. Bleib ganz ruhig, du brauchst keine Angst zu haben.“ Ohne Probleme setzte die Bonanza auf dem Klein­schotterweg auf. Die Bonanza war noch nicht ausgerollt, als Hunderte von Kindern, obwohl keine Hütten weit und breit zu sehen waren, kamen wie die Ratten aus den Löchern gekommen waren und die Maschine umlagerten. „Hier Manfred, nimm die Kanister und hole Sprit. Wenn Du wählen kannst, dann den mit der höchsten Oktanzahl und denk an eine Straßenkarte“, während es nun meine Aufgabe war, die Kinder mit der Kamera durch Scheinfotos vom Flieger fern zuhalten. Manfred kam nach dreißig Minuten auf einem Motorrad, mit noch einem zusätzlichen Kanister Sprit und freudestrahlend zurück. „Horst, wir waren genau richtig. Wir haben nur die Abbiegung im Wald verpasst. Das kann man ja auch nicht sehen, wenn alles so überwuchert ist. Wir sind nur eine Flugstunde von meinem Dorf entfernt.“ „Hast du ei­ne Karte mitgebracht?“ „Nein, es ist keine zu bekommen. Aber nur zehn Minuten von hier ist eine Flugplatzwiese.“ „Wie soll ich die denn finden, es wird gleich dunkel.“ „Ich weiß es doch jetzt ganz genau. So zirka einen Kilometer in den Wald und dann geht es nach rechts.“ „Also nach Osten?“ „Ja, die Straße soll direkt zum Flugplatz füh­ren.“ „Halte den Propeller von den Kindern frei. Wenn der Motor läuft, gehe hinten um die Maschine herum und dann nichts wie weg.“ Diesmal hatte er genau Recht und die rot-weiß gestrichenen Autoreifen der Landebahnbegrenzungen ließen eine pro­blemlose Dämmerungslandung zu.

Nach der Beschaffenheit der Landewiese zu urteilen ist das kein armes Nest.“ Aber es gab weder eine Tankstelle noch einen Mischladen in diesem Bambushüttendorf, dafür jede Menge kläffende Hunde. „Horst, siehst du das Schild dahinten? Das ist bestimmt ein Polizeiposten!“ „Ach was, Aber lass uns mal dahin gehen.“ Der Raum von etwa fünf mal fünf Metern war mit eini langen Tischen und mit einer auf Zweihundertliterfässern ge­baute Theke ausgestattet, auf der eine brennende Kerze stand. „Können wir etwas zu Essen bekommen?“ „Nein, wir verkaufen nur Flaschenbier“, sagten uns die Kinder, die so zwischen acht und zwölf Jahre alt waren. „OK, wir nehmen jeder eine, aber wir möchten uns an einen Tische setzen, habt ihr Stühle für uns?“ Jetzt kam Bewegung in die Truppe. Zwei holten uns das Bier, während die übrigen schnatternd nach draußen verschwanden. Mit zwei Bänken, einer jüngeren Frau und mehreren Hunden kamen sie zurück. „Wo sollen wir die Bänke hinstellen?“ „Da drüben an den Tisch. Sie sind be­stimmt die Chefin. Können sie uns Bohnen kochen?“ Sie nickte lächelnd und ver­schwand in die Freiküche „So Manfred, jetzt beschreib mir mal ganz genau, wie die Umgebung deines Dorfes aussieht. Ist es dort flach oder hügelig oder sind da Berge? Liegt das Dorf im Dschungel oder Busch? Gibt es Flüsse oder Seen?“ „Ja, wir haben einen kleinen See dort.“ „Also auch eine flache Gegend, mit Busch und Sumpf?“ „Sumpf haben wir da nicht. Das Wasser steht schon mal nach einem starken Regenfall etwas länger. Es geht ja jetzt im­mer geradeaus. Ich hatte bloß die Abbiegung in dem Wald nicht sehen kön­nen.“ Wir prosteten uns gerade mit der dritten Flasche Bier zu, als unsere Hüttenchefin mit dem Essen kam. Es gab Chile Bohnen, Maniok und Hühnerfleisch. „Horst, sieht das nicht gut aus?“ „Ja, es schmeckt auch, aber das wichtigste ist, es ist gesund und hält lange vor, wer weiß wann wir das nächste Essen bekommen.“ „Morgen Mittag essen wir bei mir zu Hause. Ich bin ganz zuversichtlich. Das war, wie gesagt nur der blöde Wald.“ „Von der Brücke sprichst du gar nicht mehr. Das allein hat uns siebzig Flugmi­nuten gekostet.“ „Na ja, jetzt ist ja alles wieder gut. Wir haben hier Essen und Trinken, was wollen wir noch mehr. Wenn das alles nicht passiert wäre, säßen wir nicht so ro­mantisch beim Kerzenschein in einer Bambushütte. Davon träumen die in Deutschland doch nur. Aber die Touristen erleben das Wirkliche ja gar nicht so wie wir. Das sind für mich ganz arme Schweine.“ „Du hast ja Recht, aber ich glaube, wir sollten jetzt gehen.“ „Horst, einen trinken wir noch.“ „Von mir aus können wir noch zwei oder mehr trinken. Meine Zeit ist nicht begrenzt. Ich denke nur dabei an dich. Du bist jetzt noch der Navi­gator. Von dir hängt die Flugzeit ab. Die Flugstunde kostet 100 Dollar und wir sind noch nicht in deinem Dorf.“ „Mach dir keine Sorgen um das Geld, ich bezahle dich. Soll ich dir jetzt schon was geben?“ „Quatsch. Nur heute Mittag warst du so eilig wegen der Medizin für deine Kinder.“ „Du hast recht, komm wir gehen.“

„War das denn so weit von der Wiese bis ins Dorf? – Manfred wo bist du?“ „Hier, ich musste  erst meine Kartoffeln abschütten.“ „Weißt du noch, wo wir hergekommen sind? Das kommt mir so weit vor.“ „Nach dem Hundegebell zu urteilen, sind wir mindestens zwei Kilometer aus dem Dorf. Das ist aber auch dunkel. Lass uns erst mal eine Zigarette rauchen.“ „Da war doch unweit von der Wiese ein massiv gebauter Bungalow.“ „Horst, ich weiß überhaupt nichts, morgen sage ich dir wieder, wo wir herfliegen müs­sen.“ Er ging fünf Meter auf ein heckenartiges Gebüsch zu, um sein Bier wieder los­zuwerden. Im selben Moment kam ein Dobermann lautlos über die Hecke gesprungen und stand vor dem auf dem Rücken liegenden Manfred. Ein Nachtwächter trat nun nä­her, von dem wir erfuhren, dass dieser Bungalow eine Sommerresidenz einiger boli­vianischer Politiker sei.

„San Ignacio kenne ich auch nicht“, sagte der Nachtwächter. „Aber nicht weit von hier, drei Autostunden so in dieser Richtung liegt Connseption, dort ist eine Landebahn wie hier und da gibt es auch ein Aeronautikbüro, die wissen sicherlich mehr.“ „Die Frequenz kennen sie nicht zufällig?“ „Nein, davon habe ich keine Ahnung.“ „Ist dieses Connsep­tion eine Stadt oder ein Dorf?“ „Ein kleines Dorf, aber es hat eine große Kirche. Das ist die schönste in ganz Bolivien. Sie ist vor kurzem restauriert worden. Man hat Tonnen von Gold verarbeitet.“ „Kokaingold?“ „Was für Gold?“ „Kokaingold!“ „Das kenne ich nicht.“ „Wenn ihr Hund heute Nacht anschlägt, dann sind wir das.“ „Der Hund bellt nich oder? Wir schlafem im Flugzeug. Gute Nacht!“

Am nächsten Morgen ohne Frühstück ging es nun vertrauensvoll, in die vom Nacht­wächter angegebene grobe Richtung nach Connseption, die sich auch genau parallel mit dem einzigen schnurgeraden Weg deckte. Folglich war Manfred auch in den ersten fünfzehn Flugminuten sehr gesprächig und er wiederholte laufend, dass wir auf dem richtigen Weg wären. Bloß als dieser Weg in einem moto- cross-, labyrint­hähnlichen Gelände endete, wurde er merklich ruhiger. „Kannst du dich an diesen Truppenübungsplatz erinnern?“ „Das verstehe ich überhaupt nicht. Den habe ich noch nie gesehen.“ Es war auch kein Übungsplatz, weder für Mili­tär, noch für Moto-Cross-Sportler. Es waren die Wege die sich zwangsläufig in der Regenzeit ergeben, wenn die einzelnen überschwemmten Flächen umfahren wer­den müssen. Das war aber meinem Jungaussteiger Manfred auf seinen drei bis fünf Mitfahr­ten nach Santa Cruz noch nicht aufgefallen. Ich flog stur die Richtung weiter und suchte den Horizont nach der großen Kirche ab. Als nach vierzig Flugminuten immer noch nichts von einer Kirche zu sehen war, wurde auch ich nervös. Aber  Manfred, der schwei­gend nach nach unten sah, hatte die Landewiese mit einen Hanger von Connseption gefunden. Aber auch hier gab es weder Sprit noch Flugkarten  oder Straßenkarten. Aber nach Auskunft der am Platz Anwesenden waren wir nur noch dreißig Flugminuten von San Ignazio entfernt. Manfred, wir brauchen Sprit für mindestens 45 Minuten. Wir gehen jetzt getrennt von Hütte zu Hütte durch das Dorf und kommen nur zum Flieger zurück mit Sprit und wenn möglich Straßenkarte. Wie du das machst ist deine Sache. Ich mache es „my way“. Also bis später. 

Völlig locker machte ich mich auf den Weg  die schönste Kirche, Dom oder Kathedrale Boliviens zu finden. Keine fünf­zehn Minuten später stand ich vor der Kirche die zurzeit restauriert wurde. Das die Restaurateure Schweizer und Deutsche waren, war für mich schon die halbe Miete. Besichtigungsrundgang offenbarte ich denen mein Anliege.  „Es gibt hier weder das eine noch das andere. Wenn überhaupt, dann eventuell bei den Amerikanern.“ „Was für Amerikaner? Wir sind doch hier in Amerika.“ „Die Missionare einer amerikanischen Kirche aus USA.“ „Wo sind die denn?“ „Auf halbem Wege von hier zum Flugplatz auf der linken Seite. Da stehen Jeeps auf dem Hof, es ist auffallend.“ „Alles klar, danke!“
 
Zehn Minuten später stand ich vor einem jungen Missionar von der Mormonen- oder Baptisten-Kirche, der selbst Pilot war. „Du kannst dir aus der Karte die Daten entneh­men die du brauchst, aber eine Karte oder Fotokopie darf ich dir nicht geben.“ „Wie ist das denn mit Sprit?“ „Wir haben einen Vorrat, aber der ist nur für Eigenbedarf (in case of emergency).“ „Ich komme hier nicht mehr weg ohne Sprit, du weißt doch sel­ber, wie das ist, wenn kein Sprit mehr in der Fläche ist.“ „Tut mir leid, ich operiere hier nur das Radio, ich kann dir nicht helfen.“ „Wer entscheidet denn, ob du mir was ver­kaufen darfst oder nicht?“ „Die Person, die darüber entscheidet, ist zurzeit in Santa Cruz.“ „Rufe den Mann doch bitte an und dann spreche ich selber mit ihm.“ „Telefonisch kön­nen wir nichts machen, nur übers Radio.“ „Ja, dann ruf ihn bitte über Radio.“ „Wer ist er? Wo kommt er her? Wo will er hin?“ klang es aus dem Radiolautsprecher.„Er ist Deutscher, fliegt eine Bonanza mit amerikanischem Kennzeichen, kommt von Santa Cruz und will wieder zurück.“ „Ist das der Flieger Horst?“ „Standby!“ „Heißt du Flieger Horst?“ „Ja, das bin ich.“ „Ja, er ist der Flieger Horst.“ „OK, von dem habe ich hier gelesen. Gebe ihm ein volles Fass zum heutigen  Preis plus 20 Prozent, zu bezahlen in D-Mark oder Dollar, Ende.“ „Unterschreibe mir bitte diese Verkaufsquittung. Das Fass steht im Schuppen, du kannst dir einen Jeep nehmen. Helfen kann ich dir leider nicht, ich muss am Radio bleiben.“ „Das ist kein Problem. Ich hole mir einen zweiten Mann, vielen Dank, bis gleich.“  Manfred, der schon am Flieger auf mich wartete, kam mir schweigend, schleppenden Schrittes entgegen. „Horst, ich habe weder Sprit noch eine Karte auftreiben können.“ „Nicht mehr nötig. Es ist alles wieder im grünen Bereich. Komm, wir müssen das Fass mit dem Sprit holen.“ 

Drei Stunden später, im Kreise seiner Familie, konnten wir unsere Beine unter Man­freds Tisch ausstrecken. Die drei Kinder und seine Frau waren so wie Manfred zwar glücklich wieder zusammenzusein, aber die schlechten Nachrichten von beiden Seiten betrübten die Gesichter und drückten große Enttäuschung aus. Seine Frau musste weiter auf die wichtigsten Haushaltsgeräte und Garderobe, die Kinder auf ihre Bücher und Spielsachen, Manfred auf seine Werkzeuge etc. warten. Mein Versuch mit den Worten, ich würde mich bei Schenker dafür einsetzen, dass in den nächsten Tagen der Container angeliefert werden müsste  oder aber die Versicherungssumme fällig würde. Etwas Son­nenschein in die Familie zu bringen, scheiterte schon im Ansatz. Die schlechten Nachrichten von seiner Frau, sie müsste das Wasser in Schüsseln weit herholen, da der Brunnen zum Teil eingestürzt wäre, der Trecker würde nicht mehr lau­fen und mit dem Strom wäre auch was nicht in Ordnung, gaben Manfred einen let­hargi­schen Gesichtsausdruck. Ich sah in fünf Gesichter, die sich alles wünschten, bloß keine unzivilisierte Heimat mehr.

Um die Kinder etwas aufzumuntern, lud ich sie zu einem Rundflug ein und schon wurde ihr Pioniergeist wieder wach. Aber was sich jetzt herausstellte, war auch für meine Nerven zuviel, weil ich den Kindern eine große Enttäuschung bereiten musste. Die Bonanza knallte, qualmte beim Anlassen und die Drehzahl kam nicht hoch. „Manfred, tut mir Leid für deine Kinder, aber jetzt habe ich ein Problem. Wie ich das ohne Mechaniker hier in der Wildnis lösen soll, weiß ich nicht.“ „Was ist denn nicht in Ordnung?“ „Ich vermute, die Ventile.“



 
 
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